Wem gehört denn nun die Weltwoche?

18 August, 2006 at 6:00 pm (Uncategorized)

Die Weltwoche 

Ein Trauerspiel in mehreren Akten 

Es gab Zeiten, da war ich Abonnent einer unabhängigen Wochenzeitung, die immer wieder mit brillianten Analysen und Hintergrundberichten aufzuwarten wusste. Diese Zeitung hiess «Weltwoche» und erschien im Basler Jean-Frey-Verlag. 

Im Zuge der Medienmisere nach dem Platzen der New-Economy-Blase um den Jahreswechsel 2000/2001 suchten die Basler Eigentümer dringend nach einem Käufer für den gesamten Verlag. Als bereits klar schien, dass sich der Ringier-Verlag (u.a. Blick,SonntagsBlick, Schweizer Illustrierte) die Jean-Frey-Gruppe sichern würde, betrat die Privatbank «Swissfirst» mit einer Gegenofferte die Bühne. An sich ihr gutes Recht, aber seitens der Bieter befand niemand es für notwendig, Transparenz zu schaffen bezüglich der Frage, wer sich hinter dieser Offerte verberge. 

Ab wann ist Transparenz gegeben?

Mit der Ernennung des soeben beim Schweizer Fernsehen geschassten FDP-Rechtsauslegers Filippo Leuteneggers zum Herausgeber wurde schon bald klar, aus welcher Ecke die Bieter kommen mussten: Rechtsnational und der SVP zumindest nahestehend. Dies wurde dann auch bestätigt, als sich die neuen Eigentümer mit Verspätung bequemten, zumindest für 80% der Aktien des Jean-Frey-Verlags Transparenz zu schaffen. In der Folge wurden einige Namen publik: Der Tessiner Finanzjongleur Tito Tettamanti, der Zürcher SVP-Finanzexperte Hans Kaufmann, der St.Galler FDP-Rechtsausleger Peter Weigelt und der Genfer Privatbankier Pierre Mirabaud, der wohl vehementeste Europagegner der Romandie. Weiter unklar blieb dagegen, wer die letzten 20% des Aktienpakets kontrollierte – was der Presserat unverständlicherweise nicht als Verstoss gegen das Transparenzgebot bewerten mochte. 

Jung, dynamisch, oft besserwisserisch: Roger KöppelIn der Folge driftete die «Weltwoche» unter dem jungdynamischen Chefredakteur Roger Köppel weit in rechtes Fahrwasser ab. Nach seiner expliziten Wahlempfehlung zu Gunsten der SVP kurz vor den Wahlen von 2003 musste auch dem letzten klar werden: Die SVP hatte nun neben «Zürcher Bauer» und «Schweizerzeit» eine dritte Zeitung zur Verfügung, um ihre krude Mischung aus nationalkonservativem Gedankengut und selektivem Ultraliberalismus (Eigenverantwortung überall, ausser bei den Bauern und Pensionären) unter die Leute zu bringen. Das kostete der Zeitung nicht nur einige profilierte Redakteure, die mit der neuen, köppelschen Leitlinie ihre Probleme hatten. Sondern auch massiv Abonnenten und Inserate-Einnahmen. 

Köppel in Berlin, Chaos bei der «Weltwoche»

In der Folge entschwand der famose Roger Köppel nach Berlin, um das Springer-Vorzeigeblatt «Die Welt» aufzufrischen. Mit mässigem Erfolg, wie sich an den Kommentaren nach seinem Abgang zeigen sollte. Am ehesten blieb in Erinnerung, dass Köppel dafür sorgte, dass «Die Zeit» als einzige Zeitung Deutschlands die islamfeindlichen Karikaturen der dänischen Provinzpostille «Jyllands Posten» nachdruckte. Prompt versuchte ein reichlich verwirrter Student aus Pakistan darauf, mit einem Messer bewaffnet zu Köppel vorzudringen – kam aber nur bis zum Springer-Haussicherheitsdienst. Um ein Haar entging Köppel dem Martyrium im Namen der Meinungsfreiheit. 

Während Köppels Abwesenheit machte die «Weltwoche» vor allem mit kontrollierten Tabu-Brüchen (immer im Bestreben, «linke» Denkverbote aufzubrechen, Begriffe wie Solidarität oder Toleranz lächerlich zu machen und an allen Orten linken Filz zu vermuten) sowie mit einem enormen Redaktoren-Verschleiss Schlagzeilen. Ein Chefredaktor, Eugen Sorg, hielt es gerade einmal 12 Stunden lang im Amt aus, ehe ihn die lieben Kollegen weggemobbt hatten. Ein ehemaliges Kadermitglied erinnert sich an das vergiftete Klima in der Redaktionsstube: «Es war Corporate Governance wie in der Hölle – Redaktoren reden mit dem Hauptaktionär [unter Umgehung von Chefredakteur und Verleger und um Druck auf ebendiese auszuüben, Anm.des Autors], der nicht einmal im Verwaltungsrat sitzt.» Homo homini lupus – oder auch: Mit ultraliberalen Alphatieren ist schlecht Kirschen essen. 

Sommer 2006: Köppel’s Return

Die neuste Wende im Fall «Weltwoche» erfolgte nun Ende Juli 2006: Von einem Tag auf den anderen wurde beschlossen, die Zeitung aus dem Jean-Frey-Verlag herauszulösen und neu einem Verleger und Chefredaktoren in Personalunion anzuvertrauen. Dazu musste mit Jürg Wildberger der Chefredaktor abtreten, der die «Weltwoche» wieder behutsam in Richtung Mitte zu dirigieren versucht hatte. Der neue Eigentümer, der 60% der Aktien der «Weltwoche» zeichnete und sich dabei laut eigenen Aussagen privat verschulden musste, war… Na wer wohl? Richtig, Roger Köppel, eben zurück aus Berlin. Woher ein aufstrebender Medienschaffender hingegen 18 Millionen Franken nehmen soll, nähme mich nun doch Wunder (Gesamtwert der «Weltwoche»: 30 Millionen Franken).  

Da Köppel aus einer Goldküsten-Familie stammt, wäre ein Erb-Vorbezug nicht komplett ausgeschlossen – bloss wäre dann «Sponsored by Papa» eine ehrlichere Aussage als dass er sich privat verschuldet habe. Wahrscheinlicher aber ist meines Erachtens, dass ihm seine Förderer von der «Swissfirst»-Bank kräftig unter die Arme gegriffen haben – mit zinslosen Darlehen oder ähnlichem. Noch viel wahrscheinlicher ist allerdings, dass Köppel lediglich als Strohmann agiert. Dass dies nun mit dem journalistischen Ehrenkodex und dem Transparenzgebot in keiner Weise vereinbar ist, sollte einleuchten. 

Beredtes Schweigen zur Swissfirst-Pensionskassen-Affäre

Swissfirst-Boss Thomas Matter (links, aber nur aufm Bild; politisch eher weit rechts)So spricht es Bände, dass die «Weltwoche» mit keinem Wort Stellung bezieht zu einem bemerkenswerten Vorgang, der in anderen Zeitungen der Schweiz zur Zeit prominent abgehandelt wird: Thomas Matter, Chef der «Swissfirst»-Bank, steht unter Verdacht, im Rahmen der Acquisition einer Privatbank verschiedene Pensionskassen übervorteilt zu haben. Im Klartext: Matter soll Insiderwissen genutzt haben, um Ersparnisse von Arbeitnehmern auf sein eigenes, ohnehin nicht zu knapp gefülltes Konto weiterzuleiten. Unanständig? L’appetit vient en mangeant, sagen die Franzosen dazu.  

Dass Matter eine massgebliche Rolle dabei gespielt hat, die «Weltwoche» in die Hände eines intransparenten Konsortiums zu bringen, dürfte seine Schonung in dieser Zeitung wesentlich begründen. Zudem ist Matter ein Anhänger Blocher’s und derr Zürcher SVP – und konnte bei seinem famosen Pensionskassen-Beschiss auch auf die Hilfe eines unabhängigen (uhumm…) Pensionskassen-Experten zählen: Hans Kaufmann. Welch eine kleine Welt, man staunt doch immer wieder. Dass die Weltwoche und ihre Redaktoren, ansonsten nicht gerade für Beisshemmungen bekannt und oft zur Schulmeisterei neigend, zu diesem Vorgang keinen Ton zu melden haben, lässt meines Erachtens nur einen Schluss zu: Man beisst nicht in die Hand, die einen seit 2002 füttert. 

Für mich steht fest: So lange die «Weltwoche» keine glaubwürdige Auskunft über die Besitzverhältnisse zu geben bereit ist, verstösst dieser Titel gegen Berufsstandards. Und verdient daher keine Beachtung.  

Meine Forderung ist klar: Herr Köppel, schaffen Sie Transparenz! Und bitte in glaubwürdiger Manier…

Zum selber nachlesen:
 

Entscheid des Presserates vom 28. März 2003:  http://www.presserat.ch/17140.htm

Eine Chronolgie des Übernahmekampfs vom Frühjahr 2002 bietet, wenn auch nicht aus unverdächtiger Quelle http://www.weltwoche.ch/artikel/print.asp?AssetID=1637&CategoryID=60

Zur neusten Wendung in der Weltwoche-Saga: http://www.persoenlich.com/news/show_news.cfm?newsid=61537

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